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Konzepte im akustischen Immissionsschutz

Das Grundverständnis für das Zusammenwirken im akustischen Immissionsschutz lässt sich gut durch eine Norm VDI 3722 Blatt 1 über die Wirkung von Verkehrsge­räuschen aus dem Jahre 1988 illustrieren. Die VDI 3722 Blatt 1 unterscheidet sauber zwischen der Belastung (Reiz), die durch physikalische Kenngrößen bestimmt wird und der Beeinträchtigung (Reaktion), die durch medizinische, psychologische oder soziologische Befunde als Kenngröße festgelegt wird. Die Beeinträchtigung, die zur Minderung des körperlichen, seelischen oder sozialen Wohlbefindens oder zu Krankheiten führen kann, wird weiter unterteilt in Störung und Belästigung.

Drei große Gruppen von Beeinträchtigungen kennt die VDI 3722, und zwar die des Schlafes, der Erholung und Entspannung (Rekreation) und der Kommunikation. Der Rat von Sachverständigen für Umweltfragen teilt hingegen die medizinische (!) Wirkung von Geräuschen in folgende Bereiche auf: Auraler Bereich (Gehörschäden oder Hörermüdung), extraauraler Bereich (Steigerung der Herzfrequenz, Stress­reaktionen oder Schlafstörungen) und Belästigungsbereich (Gefühl der Verärgerung, Störung der Kommunikation oder Reizbarkeit). Das UBA definiert im Hinblick auf die Entwicklung von Schutzzielen nur die beiden globalen Wirkungsbe­reiche "Belästigung" (annoyed) und "Beeinträchtigung der Gesundheit".

Im Ergebnis generiert die Lärmwirkungsforschung unterschiedliche Dosis-Wirkungs­kurven in Abhängigkeit von der Art der Beeinträchtigung. "Immissionswerte, die aus solchen Dosis-Wirkungsbeziehungen gewonnen werden, unter­scheiden sich grundsätzlich von den umweltmedizinischen bzw. hygienischen Umweltfaktoren. Während die Schadstoffhygiene ... biologische Individualakzeptanz zu schaffen versucht, bleibt die Lärmvorsorge auf die statistische Auswertung von Belästigungs­urteilen beschränkt." [6]

Wie „gut“ sind aber solche Wirkungskurven? Oder anders gefragt: Woher nehmen die Nachkommastellenverwalter ihre Legitimation? In grober Näherung [2] lässt sich fest­stellen, dass nur ein Drittel der Belästigung durch Kenngrößen, die die Belastung beschreiben, ein Drittel durch die Moderatoren erklärt werden kann und das das letzte Drittel sich bisher einer Erklärung gänzlich entzieht. Als Moderatoren gelten - neben der Lärmempfindlichkeit - insbesondere die Einstellung und Überzeugungen der Personen, d. h. z.B. Vertrauen gegenüber dem Verursacher oder die Ein­schätzung über die Wichtigkeit der Geräuschquelle.

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 mag dafür ein aktuelles Beispiel sein: Die Öffent­lichkeit wurde frühzeitig auf die WM eingestimmt. Manche Anwohner, die lieber ein ruhiges Umfeld schätzen, haben gefeiert und sich darüber gefreut, dass sie abends länger mit Freunden im Biergarten sitzen und die Fußballspiele während der schönen Tage im Freien genießen konnten. Die Freude über die Fußballweltmeisterschaft hat offensichtlich die Wahrnehmung der Menschen derart beeinflusst, dass schließlich mit zunehmender Dauer der WM, die Anwohner bereit waren, ein gewisses „mehr an Lärm“ hinzunehmen.

Aber es gibt auch historische Beispiele für die Wirkung von Moderatoren. Am 1. April 1948 begann die fast einjährige Berliner Blockade. Über eine Luftbrücke wurde die Versorgung Berlins sichergestellt. Anlässlich des 50. Jahrestages der Luftbrücke hat der amerikanische Präsident Clinton die damaligen Geräusche der ununter­brochenen startenden und landenden Flugzeuge – zu Recht - als „Symphonie der Freiheit“ bezeichnet. Auch nach dem 11. September war auf einmal für viele Gegner des militärischen Fluglärms in den USA der Überflug einer F16 ein „sound of free­dom“. Eine startende F16 hat immerhin einen Schallleistungspegel von ca. 170 dB.

Die Kenngrößen der Belastung (Immissionswert) müssen nun für die Politik und Recht­sprechung formuliert, übersetzt und vor allem kommuniziert werden. Das BImSchG formuliert als seinen Zweck u. a. die Menschen vor schädlichen Umwelt­einwirkungen, d. h. Gefahren, erheblichen Nachteilen oder erheblichen Belästigun­gen, zu schützen und vorzubeugen. Es nennt also keine Immissionswerte; diese finden sich in den untergesetzlichen Regelwerken, z. B. der TA-Lärm. Die Vorschrif­ten des BImSchG gelten für die Errichtung und den Betrieb von Anlagen. Gemäß Ziffer 10.18 der 4. BImSchV fallen Schießstände für Handfeuerwaffen und Schieß­plätze darunter. Sofern es sich um Anlagen der Landesverteidigung handelt, kann nach § 60 BImSchG in Einzelfällen das BMVg Ausnahmen zulassen, sofern „zwingen­de Gründe der Verteidigung oder Erfüllung zwischenstaatlicher Verpflichtun­gen“ bestehen. „Dabei ist der Schutz vor schädlichen Umweltein­wirkungen zu berücksichtigen.“