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Unsicherheiten im Verfahren

Alle Aspekte des Beurteilungsverfahrens sind nicht exakt, sondern steuern jeweils Unsicherheiten zum Verfahren und damit Unsicherheiten zur Beurteilung des Lärms bei. Damit das Beurteilungsverfahren insgesamt den Motiven und dem Zweck des BImSchG gerecht werden kann, dürfen sich die Unsicherheiten der einzelnen Aspekte nicht über ein bestimmtes Maß hinaus kumulieren. Es scheint zumindest nahe zu liegen, dass diese Unsicherheit 3 Dezibel nicht überschreiten sollte, da bei einer darüber hinausgehenden Annahme eine Verdopplung der Auslastung – im Falle von Schießlärm beispielsweise also eine Verdopplung der Schusszahlen – in den Unsicherheitsbereich fällt. Unterstellt man, dass die Wirtschaftlichkeit einer Anlage – nicht nur einer Schießanlage – viel stärker als mit dem Faktor 2 von ihrer Auslastung abhängt, ist mit 3 dB ein eigentlich sachgerechter Wert der Unsicherheit schon überschritten.

Es ließe sich für viele Lärmarten zeigen, dass die Gesamtunsicherheit des Beurteilungsverfahrens einschließlich der Willkür in den Vergleichswerten die Grenze von 3 dB überschreitet und eigentlich unzulänglich ist. In der Verwaltungsakustik wird dieser Unzulänglichkeit dadurch abgeholfen, dass man sowohl die Korrelationsaussage (z.B., dass die A-bewertete Langzeit-Schallexposition ein direktes Maß für die Belästigung ist) als auch das Schallausbreitungsmodell einschließlich der Quellbeschreibung (z.B. Schall03 für Schienen- bzw. RLS90 für Straßenverkehrslärm) bei den Lärmarten als fehlerfrei (im Sinne von ‚ohne Unsicherheit’) deklariert, für die die Verwaltungen in gewisser Weise selbst Verantwortung tragen und resultierende aktive Schallschutzmaßnahmen und Betriebsbeschränkungen aus öffentlichen Mitteln zu bestreiten sind; also z.B. für die wichtigen Lärmarten des öffentlichen Verkehrs. Eine Überprüfung der Prognosen durch Messung ist nicht mehr vorgesehen und kann keine Berücksichtigung mehr in den Verfahren finden.

Bei Gewerbelärm werden zumindest bei der Quellbeschreibung und beim Schallausbreitungsmodell Unsicherheiten zugelassen und bei Genehmigungen entsprechend berücksichtigt. Auch muss für einige Lärmarten im Einzelfall gemessen werden. Entscheidender Aspekt ist hierbei, dass sich durch die Berücksichtigung der Unsicherheiten Handlungs- und Entscheidungsspielräume öffnen; zunächst allerdings nur für die Genehmigungsbehörden und den Gutachter. (Das hier diskutierte kooperative Lärmmanagement erweitert die Spielräume auch auf den Betreiber, wie später ausgeführt wird.)

Bei einigen Lärmarten geht die gängige Genehmigungspraxis über eine formale Betrachtung der Beurteilung hinaus. Verwaltungen nutzen die Entscheidungsspielräume z.B. beim Betrieb von zivilen Schießanlagen dazu, den Betrieb zu regulieren, in dem sie Höchstschusszahlen einiger Waffen vorgeben und das Schießen auf bestimmte Wochentage oder Tageszeiten beschränken.