Beitragsseiten

 

Traditionelles administratives Lärmmanagement

Auch bei der Beurteilung von Schießlärm schwerer Waffen (Kaliber > 20 mm) wurde zunächst der oben skizzierte traditionelle Weg der Lärmakustik gewählt. Es wurde ein physikalisches Maß bestimmt, das mit der Belästigungsreaktion korreliert, ein entsprechendes Schallausbreitungsmodell entwickelt, das den besonderen Aspekten der Waffenknalle Rechnung trägt, eine ‚ungünstigste Belegung’ der Anlagen schießplatz-spezifisch ermittelt und Richtwerte für den Jahresmittelungspegel und den maximalen Einzelgeräuschpegel definiert.

Diese Vorgehensweise wurde in der sogenannten TA Schießlärm beschrieben. Wie bei den Beurteilungsverfahren für den öffentlichen Verkehr wurde das Verfahren an sich als „fehlerfrei“ deklariert.

Gerade im Laufe der Berechnungsgänge, in denen die Betreiber aufgefordert waren, eine Musterbelegung so zu ermitteln, dass außerhalb des Platzes die Richtwerte gerade nicht überschritten werden, zeigten sich erhebliche Schwächen des Ansatzes eines auf Genehmigung ausgerichteten traditionellen Verfahrens: Durch die Musterbelegung wurde die Nutzung jeder einzelnen Schießanlage auf den Plätzen nun so reguliert, dass nur noch eine der Musterbelegung entsprechende ‚Mischung der Emissionssituationen’ im Kalenderjahr möglich war.

Folgendes Beispiel macht dies deutlich: Sind auf einer Schießbahn 20.000 Schüsse aus einer 120 mm Kanone, 50.000 Schuss aus einer 20 mm Kanone und 1.000 Flachschüsse aus einer Haubitze (jeweils mit einer Munitionsangabe) möglich, ohne die Richtwerte zu überschreiten und diese ‚Mischung’ als Musterbelegung in die Genehmigung aufgenommen, ist die maximale Auslastung der Schießablage nur dann möglich, wenn die Anlage genau mit diesen Waffen und dem zugehörigen Verschuss über ein Kalenderjahr hinweg belegt wird. Dies hat die Konsequenz, dass zumindest zum Ende des Jahres ein sachgerechter Schießbetrieb im strengen Sinne nicht mehr möglich ist, wenn sich Anforderungen und Optionen nicht mehr zur Deckung bringen lassen. Es kann z.B. sein, dass 200 Schuss 120 mm nicht mehr durchgeführt werden können, weil deren Kontingent erschöpft ist, während noch keine Haubitzenschüsse gefallen sind, für die in diesem Jahr gerade kein Bedarf besteht.

Nach Maßgabe des traditionellen Verfahrens wäre ein sachgerechter und wirtschaftlicher Betrieb von Schießplätzen kaum noch möglich gewesen. Dies hätte aber letztlich hingenommen werden müssen, wenn nicht folgende Überlegungen dazu geführt hätten, dass das traditionelle Verfahren selbst den Zielen und Motiven des BImSchG entgegenstehen würde:

1.       Die betrieblichen Konsequenzen wären Ausnahmegenehmigungen für den Nahbereich aller Plätze gewesen, auf denen Übungen mit dem Verteidigungsauftrag der Bundeswehr und den Verpflichtungen der NATO-Partner gegenüber eine nicht abweisbare Begründung gefunden hätten. Damit wäre die Akzeptanz dieses Verfahrens sowohl beim Betreiber als auch bei den Betroffenen verlorengegangen. Letzteres ist ein fundamentaler Baustein des Lärmschutzes. Denn ohne Akzeptanz steigt der Unmut der Betroffenen, damit ihre subjektive und objektive Lärmempfindlichkeit und damit auch ihre Belästigungsreaktion. Folglich falsifiziert der Akzeptanzverlust die erste Phase der Beurteilung, die Korrelation zwischen der Reaktion und dem Pegel. Das Verfahren mindert deshalb den Schutz vor Lärm und seinen Wirkungen. Dies widerspricht dem BImSchG.

2.       Aus verschiedenen Gründen sind die Unsicherheiten im Beurteilungsverfahren der TA Schießlärm tendenziell größer als bei den Verfahren für andere Lärmarten. Die Unsicherheiten in der Quellbeschreibung sind größer, weil beim Schießen eine Vielzahl von Waffensystemen, Waffen und Munitionen zum Einsatz kommen, die wegen der großen Anzahl nicht alle vermessen werden können und deshalb geschätzt werden müssen (vgl. [6] und [7]). Die Unsicherheiten bei der Schallausbreitungsberechnung sind größer, weil hier über Entfernungen von mehreren Kilometern prognostiziert werden muss und deshalb der Einfluss des Geländes und des Wetters stark zunimmt. Hinzu kommen die Effekte von tiefen Frequenzen, die z.B. Sekundärschalle (Klirren) erzeugen können, obwohl der eigentlich Knall nicht mehr hörbar ist. Es ist also wegen dieser Unsicherheiten kaum begründbar, warum eine Musterbelegung genau einzuhalten ist. Selbst eine Verdopplung oder Halbierung der Schusszahlen der Musterbelegung fällt noch in diese Unsicherheit.

Das einzige Argument, das für das traditionelle Genehmigungsverfahren spricht, ist seine Einfachheit und Aufwandsarmut. Solange man, ähnlich wie bei den Lärmarten des öffentlichen Verkehrs, die Fehlerfreiheit (im Sinne von ‚ohne Unsicherheiten’) des Verfahrens unterstellt, sind die Vorgaben klar definiert und einfach zu überwachen; Vorteile für die Behörden. Aber sowohl für die Anwohner als auch für den Betreiber hat das traditionelle, im folgenden auch administrative Lärmmanagement erhebliche, nicht hinzunehmende Nachteile. Das IfL hat deshalb einen ganz anderen Weg für den Lärmschutz auf Schießplätzen und Schießanlagen vorgeschlagen: Die Einführung eines kooperativen Lärmmanagements.